„Jetzt gehöre ich zu den Spießern!“.

Interviews

Beim Erzählen entstehen Geheimnisse, wenn die Bausteine der Erzählung nicht von Geschichten bebildert werden. Die Bausteine formieren dann allenfalls Wände, Nischen, Unterirdisches, geben wenig von dem preis, was umbaut ist.

S., 20 Jahre, schildert ihr bisheriges Leben so, dass es keine weitreichenden Fragen dazu geben sollte. Tochter eines Irakisch-iranischen Paares, Flucht mit den Eltern aus dem Iran im Alter von 2 Jahren, Odyssee durch die Notunterkünfte der Mittelmeerländer. 6jährig in Deutschland, als gute Grundschülerin dann die Empfehlung für das Gymnasium in einer pfälzischen Stadt.

Die Erwartung der Eltern, eine starke älteste Tochter zu haben erweist sich als trügerisch, die mühsam aufgeschichteten Bausteine werden brüchig. Stetige Angst vor Ausweisung, Armut, Notunterkünften.

Mit 12 Jahren beginnen die Selbstverletzungen, Drogen bestimmen den Freundeskreis.

In S. Tagebuch steht, dass sie mit 17 Jahren erstmalig versucht hat aufzuhören mit dem süchtigen Leben, ein Selbstversuch. Die Hilfe der Drogenberaterin war zunächst kein wirkliches Fundament. Die Rehabilitation, 18jährig, zeigte Ausgänge aus der fatalistischen Schuld, ohne Drogen nicht funktionieren zu können.

Seit einem Jahr nun Fachoberschule für Gesundheit und Soziales in Bremen, parallel Arbeit im Kindergarten. „Die Aussicht auf das allgemeine Abitur, das lässt mich sicher in die Zukunft gucken. Ich führe jetzt ein Erfolgstagebuch.“

„Morgen in der Schule Deutsch, Englisch, Politik. Dann Probe bei der Wilden Bühne für „Hungerstreik“. Ich würde gern mal das Böse verkörpern, das habe ich ja auch kennengelernt. Und in der Schule bin ich jetzt die Spießerin, weil ich nicht rauche und nicht trinke.“

Die Bausteine des entstehenden Hauses beherbergen sie, man kann durch die Fenster zu gucken.