„Jetzt ist meine Zeit!“.

Interviews

„Vor der Zeit mit der Wilden Bühne war die Zeit kaum meine Zeit, kaum jemand hat mir was zugetraut. Ich mir natürlich auch nicht, wie denn auch?“

Dennis S. musste sich die Bestandteile seines Erwachsenendaseins größtenteils selbst zusammensuchen. Den Sinn zur Lebenserhaltung hatte er sich – wohl unbewusst – als Junge zunächst bei der DLRG angeeignet. Danach Wehrdienst als Sanitäter, auch hier zumindest in der Nähe des Bewahrens eigenen und fremden Lebens. Seine sich anschließende abgeschlossene Ausbildung als Buchbinder hatte mit diesem Ideal nichts zu tun, es sei denn, man will das Schleppen schwerer Kataloge als sinnhafte Maßnahme körperlicher Ertüchtigung betrachten.

Allerdings hat ihn die Ausbildungszeit in eine schwierige Lebenslage gebracht, Kiffen und später Spielen weit über das verträgliche Maß hinaus.

Die Folgen: Therapien und Umschulung zum Großhandelskaufmann, schließlich seit etwa einem halben Jahr: betreutes Wohnen und nun – als spätes Glück empfunden – die Wilde Bühne.

Sie hat Dennis S. eine Eigenverantwortung nahegebracht die er in dieser Weise noch nicht kannte. Sich ohne Scham Hilfe suchend zu erleben, Lob als Lob und nicht als verfeinerte „Verarschung“ wahrzunehmen, Nähe abseits von Misstrauen, Freunde auf Gegenseitigkeit, kein „Hampelmann“ zu sein, der glaubt immer etwas vortanzen zu müssen.

Als er sich, jugendlich, das erste Mal die Haare lang wachsen ließ sagte man ihm, er sähe scheiße aus. Dennis S. hat es geglaubt. Und sie wieder auf das Maß zurückschneiden lassen, das ihm bisher gegönnt war.
Jetzt, im Alter von 35 Jahren, wachsen seine Haare erstmals unbeeinträchtigt von Vorstellungen, die nicht die seinen sind. „Bis zum Sommer, mal sehen, wie ich das dann finde.“

Er nimmt seine Aufgaben bei der Wilden Bühne außerordentlich ernst. Mit seinen Erfahrungen ist er inzwischen auch beim Landesinstitut für Schule (LIS) gefragt.

Obgleich Dennis S. das Schauspielern liebt, ist ihm klar, dass es ihm keinen lebenslangen Beruf mit Einkommen eröffnet. „Aber ich lerne dort so viel, es wird mir bei späterer Arbeit nützen. Und im Zusammenleben mit anderen.“

Derzeit, als Arbeitsloser, sagt er: „Jetzt ist meine Zeit, ein schönes, befreiendes Gefühl!“

Er wird sie für sich und Andere nutzen.